Die Wahrheit über Kinder Kung Fu

I."Hauptsache dem Kleinen macht es Spaß .... "

...hörte ich kürzlich bei einem externen  Selbstverteidigungskurs für Kinder von einigen der anwesenden Mütter und Väter mit strahlendem Gesichtsausdruck. Glücklich und zufrieden waren sie, während sie zusahen, wie ihre Kinder mit Freude auf Kommando erneut das Bein heben durften. Als dann noch ein Dreh- und Ausweichspiel zum Einsatz kam, erreichte die familiäre Fröhlichkeit ihren Höhepunkt. Ach wie niedlich.

Das Ergebnis solcher Kurse ist mir sehr wohl bekannt: Es sind Kinder, die nach bis zu 9 Jahren Ausbildung in der Selbstverteidigung noch immer kein Selbstvertrauen haben, noch immer gemobbt und/oder geschlagen werden. Zu oft habe ich in solchen Fällen den traurig, entmutigt und hilflos blickenden Eltern und Kindern mitteilen müssen, leider noch mal von vorne anfangen zu dürfen.

So lange Eltern nur nach dem reinen Spaßfaktor über den weiteren Verbleib des Kindes in einer guten Kung Fu - Schule entscheiden, so lange wird auch weiterhin die Tradition des Kung Fu regelrecht vergewaltigt.

Die Wahrheit ist doch, dass in diesen spielerischen Gruppen das normale Kinderturnen mit diversen einfachen Selbstverteidigungselementen vermischt und dann dauerhaft unter dem Label KINDER - KUNG FU angepriesen wird. Funktionierende Selbstverteidigung mit Aussicht auf Erfolg "spielerisch" erlernen zu können gehört meiner Meinung nach in die Fantasiewelt und grenzt an Betrug, auch wenn sich das für interessierte Eltern noch so gut anhört.

Es wäre für unsere Schule mehr als peinlich, wenn, nach vielleicht 10 Monaten Ausbildungszeit, ein Kind zeigen soll was es gelernt hat und nur mit einer Vielzahl an Spielvarianten, sowie ein paar weniger Kung Fu ähnlichen Bewegungen aufwarten kann. Liebe Eltern, Spaß ist nicht gleich zu setzen mit Begeisterung.

Denn Begeisterung bedarf einer zielorientierten Einstellung und einer gewissen Portion an Motivation und Engagement. Aber wenigstens haben die Eltern von heute bezüglich der allgemeinen Schulpflicht noch eine gesunde Einstellung (auch wenn das Kind mal keine Lust hat).


II. "Ich möchte nicht, dass mein Kind bei Ihnen lernt, wie man zuschlägt. Ich mochte, dass unser Sohn lernt, bei Konflikten sagen zu können: "Nein, das will ich nicht, das finde ich nicht gut, bitte lass mich doch gehen", oder so ähnlich!“

"Prima..." dachte ich. Die effektive Selbstverteidigung stützt sich heutzutage in den Köpfen vieler Eltern auf die sprachliche Übermittlung sozialpädagogischer Grundlagen. Ich frage mich an dieser Stelle jedoch immer wieder, wie diese Kinder die hierfür notwendigen Mittel kongruent und damit erfolgreich umsetzen sollen. Genügen heutzutage etwa kindgerechte Rhetorikkurse um sich selbst (das Kind) zu schützen?! Als ich dann höflich nachfragte, ob sich diese Mutter jemals habe verteidigen müssen, wurde meine Frage verneint. Ich war erleichtert. Auch wenn sich hier eine Person nicht wissend eine Meinung bildete.

GLAUBEN HEISST NICHT WISSEN !

Durch das Erlernen (verstehen lernen), das nachfolgende Üben (automatisieren von Bewegungsabläufen) und schließlich das Trainieren (Anwendung mittels Partnerübungen), wissen unsere ausgebildeten Kinder was sie wirklich können, und was nicht. Sie glauben nicht, dass sie etwas können; sie wissen es.Dieser mentale Zustand ruft bei Kindern ein selbstbewußteres Auftreten hervor. Hinzu kommt, dass durch die damit verbundene Wertschätzung der eigenen Selbstverteidigungsleistung des Kindes, Gewaltkonflikte überdurchschnittlich souverän vermieden werden können.

Seit 1986 unterrichte ich Kinder in den asiatischen Kampfkünsten. Heute kann ich mit Stolz sagen, dass noch nie eine Schülerin oder ein Schüler, irgendwann und irgendwo, durch Gewaltbereitschaft unangenehm aufgefallen ist. Und ich werde weiterhin peinlichst genau darauf achten, dass sich dies nicht ändert.

Dies ist die Wahrheit über die Kampfkunstausbildung für Kinder. Doch übernehmen Sie nicht einfach nur unsere Meinung. Wir laden Sie ein, für sich selbst - für Ihr Kind - die Wahrheit eigenständig heraus zu finden.

Wahre Worte sind nicht schön,
und schöne Worte sind nicht wahr!

Sifu Gregor Eichenauer
(August 2008)